Mi.. Jan. 7th, 2026

Die Ur-Weihnachtsgeschichte


In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten
einzutragen. Dies geschah zum erstenmal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien.
Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Naza-
ret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem
Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein
Kind erwartete.
Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstge-
borenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz
für sie war.
In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat
der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr,
der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude,
die dem ganzen Volk zuteil werden soll:
Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll
euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe
liegt.
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach:
Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.
Als die Engel sie verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zu-
einander: Kommt, wir gehen nach Betlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr ver-
künden ließ.
So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sa-
hen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staun-
ten über die Worte der Hirten. Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen
und dachte darüber nach.
Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen
hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war.
Die Legende vom vierten König
Außer den drei weisen Männern, die das Kind in der Krippe anbeten wollten, hatte sich auch noch
ein vierter König auf den Weg gemacht. Drei wertvolle Edelsteine wollte er schenken. Aber weil
sein Reittier lahmte, kam er nicht rechtzeitig zum vereinbarten Treffpunkt. Trotzdem machte er
sich auf. Doch er kam zu spät. Eine arme Mutter, die sich nicht trösten ließ, erzählte ihm von den
furchtbaren Kindermord in in Bethlehem, dem auch ihr Söhnchen zum Opfer gefallen war. Voller
Mitleid schenkte er ihr einen leuchtend roten Edelstein, den er eigentlich dem Königskinde schen-
ken wollte. Nach langen Monaten erreichte er Ägypten, aber er fand heraus, dass das Jesuskind
und mit seinen Eltern wieder in die Heimat gezogen war. Diesmal war er Jahre unterwegs. Überall
fragte und suchte er. Am Rande einer großen Stadt traf er auf einen Aussätzigen, der schon fast
verhungert war. Ihm schenkte er den zweiten Edelstein, damit er sich in Zukunft helfen könne.
Trotz der schließlich dreißig Jahre seines Suchens hatte seine Sehnsucht, den König der Welt zu
finden, eher noch zugenommen. Aber er fühlte auch, wie sein altes Herz die anstrengende Reise
um die halbe Welt nicht mehr lange aushalten würde. Einem nackten und frierenden Kind
schenkte er noch den letzten Edelstein, damit es sich kleiden und satt essen könne.
Plötzlich wurde es dunkel, dabei war es erst kurz nach Mittag. Die Erde begann zu zittern. In
Todesangst dachte er: »Ist denn mein ganzes Suchen umsonst gewesen?« Aber da strahlte ihm
vom Kreuz ein himmlisches Licht entgegen, und er hörte eine Stimme, die sprach: »Du hast mich
getröstet, als ich jammerte; gerettet, als ich in Lebensgefahr war, und mich gekleidet, als ich nackt
war!« »Herr, ich? Wo?« »Was du den Menschen, die in Not waren, getan hast, das hast du mir
getan!« Da gab der vierte König gerne dem Weltenkönig am Kreuz sein Leben zurück; denn nun
hatte er ihn doch noch gefunden!
Der störrische Esel und die süße Distel der Heil’gen Nacht
Als der heilige Josef im Traum erfuhr, dass er mit seiner Familie vor der Bosheit des Herodes flie-
hen müsse, weckte der Engel in dieser bösen Stunde auch den Esel im Stall.
„Steh auf!“ sagte er von oben herab, „du darfst die Jungfrau Maria mit dem Herrn nach Ägypten
tragen.“ Dem Esel gefiel das gar nicht. Er war kein sehr frommer Esel, sondern eher ein wenig
störrisch von Gemüt. „Kannst du das nicht selber besorgen?“ fragte er verdrossen. „Du hast doch
Flügel, und ich muss alles auf dem Buckel schleppen! Warum denn gleich nach Ägypten, so
himmelweit!“
„Sicher ist sicher!“ sagte der Engel; und das war einer von den Sprüchen, die selbst einem Esel
einleuchten müssen.
Als er nun aus dem Stall trottete und zu sehen bekam, welch eine Fracht der heilige Josef für ihn
zusammengetragen hatte, das Bettzeug für die Wöchnerin und einen Pack Windeln für das Kind,
das Kistchen mit dem Gold der Könige und zwei Säcke mit Weihrauch und Myrrhe, einen Laib
Käse und eine Stange Rauchfleisch von den Hirten, den Wasserschlauch, und schließlich Maria
selbst mit dem Knaben, auch beide wohlgenährt, da fing er gleich wieder an, vor sich hinzu-
maulen. Es verstand ihn ja niemand außer dem Jesuskind.
„Immer dasselbe“, sagte er, „bei solchen Bettelleuten! Mit nichts sind sie hergekommen, und
schon haben sie eine Fuhre für zwei Paar Ochsen beisammen. Ich bin doch kein Heuwagen“, sag-
te der Esel, und so sah er auch wirklich aus, als ihn Joseph am Halfter nahm; es waren kaum
noch die Hufe zu sehen.
Der Esel wölbte den Rücken, um die Last zurechtzuschieben, und dann wagte er einen Schritt,
vorsichtig, weil er dachte, dass der Turm über ihm zusammenbrechen müsse, sobald er einen Fuß
voransetze. Aber seltsam, plötzlich fühlte er sich wunderbar leicht auf den Beinen, als ob er selber
getragen würde; er tänzelte geradezu über Stock und Stein in der Finsternis.
Nicht lange, und es ärgerte ihn auch das wieder. „Will man mir einen Spott antun?“ brummte er.
„Bin ich etwa nicht der einzige Esel in Bethlehem, der vier Gerstensäcke auf einmal tragen kann?“
In seinem Zorn stemmte er plötzlich die Beine in den Sand und ging keinen Schritt mehr von der
Stelle.
Wenn er mich auch noch schlägt, dachte der Esel erbittert, dann hat er seinen ganzen Kram im
Graben liegen!
Allein Joseph schlug ihn nicht. Er griff unter das Bettzeug und suchte nach den Ohren des Esels,
um ihn dazwischen zu kraulen. „Lauf noch ein wenig“, sagte der heilige Joseph sanft, „wir rasten
bald!“
Daraufhin seufzte der Esel und setzte sich wieder in Trab. So einer ist nun ein großer Heilger,
dachte er, und weiß nicht einmal, wie man einen Esel antreibt!
Mittlerweile war es Tag geworden, und die Sonne brannte heiß. Joseph fand ein Gesträuch, das
dünn und dornig in der Wüste stand, in seinem dürftigen Schatten wollte er Maria ruhen lassen. Er
lud ab und schlug Feuer, um eine Suppe zu kochen; der Esel sah es voll Misstrauen. Er wartete
auf sein eigenes Futter, aber nur, damit er es verschmähen konnte. „Eher fresse ich meinen
Schwanz“, murmelte er, „als euer staubiges Heu!“
Es gab jedoch gar kein Heu, nicht einmal ein Maul voll Stroh; der heilige Joseph, in seiner Sorge
um Weib und Kind, hatte es rein vergessen. Sofort fiel den Esel ein unbändiger Hunger an. Er ließ
seine Eingeweide so laut knurren, dass Joseph entsetzt um sich blickte, weil er meinte, ein Löwe
säße im Busch.
Inzwischen war auch die Suppe gar geworden, und alle aßen davon. Maria aß, und Joseph löffelte
den Rest hinterher, und auch das Kind trank an der Brust seiner Mutter; nur der Esel stand da und
hatte kein einziges Hälmchen zu kauen. Es wuchs da überhaupt nichts, nur etliche Disteln im Ge-
röll. „Gnädiger Herr!“ sagte der Esel erbost und richtete eine lange Rede an das Jesuskind; eine
Eselsrede zwar, aber ausgekocht scharfsinnig und ungemein deutlich in allem, worüber die
leidende Kreatur vor Gott zu klagen hat. „I-a! “ schrie er am Schluss, das heißt: „So wahr ich ein
Esel bin!“
Das Kind hörte alles aufmerksam an. Als der Esel fertig war, beugte er sich herab und brach einen
Distelstängel; den bot es ihm an.
„Gut!“ sagte er, bis ins Innerste beleidigt. „So fresse ich eben eine Distel! Aber in deiner Weisheit
wirst du voraussehen, was dann geschieht. Die Stacheln werden mir den Bauch zerstechen, so
dass ich sterben muss, und dann seht zu, wie ihr nach Ägypten kommt!“
Wütend biss er in das harte Kraut, und sogleich blieb ihm das Maul offen stehen; denn die Distel
schmeckte durchaus nicht, wie er es erwartet hatte, sondern nach süßestem Honigklee, nach wür-
zigstem Gemüse. Niemand kann sich etwas derart Köstliches vorstellen, er wäre denn ein Esel.
Für diesmal vergaß der Graue seinen ganzen Groll. Er legte seine langen Ohren andächtig über
sich zusammen, was bei einem Esel soviel bedeutet, wie wenn unsereins die Hände faltet.
Karl Heinrich Waggerl
Ich bin gerettet – Eine Wintergeschichte
Es war einmal ein Mann. Er besaß ein Haus, einen Ochsen, einen Kuh, einen Esel und eine
Schafherde. Der Junge, der seine Schafherde hütete, besaß einen kleinen Hund.
Auf der Erde lag Schnee. Es war kalt und der Junge fror. „Kann ich mich in deinem Haus
wärmen?“ bat der Junge den Mann.
„Ich kann die Wärme nicht teilen. Das Holz ist zu teuer“, sagte der Mann und ließ den Jungen in
der Kälte stehen.
Da sah der Junge einen großen Stern am Himmel. „Was ist das für ein Stern?“ dachte er. Er
nahm seinen Hirtenstab und seine Hirtenlampe und machte sich auf den Weg.
„Ohne den Jungen bleibe ich nicht hier“, sagte der kleine Hund und folgte seinen Spuren.
„Ohne den Hund bleiben wir nicht hier“, sagten die Schafe und folgten seinen Spuren.
„Ohne die Schafe bleibe ich nicht hier, sagte der Esel und folgte seinen Spuren.
„Ohne den Esel bleibe ich nicht hier“, sagte die Kuh und folgte seinen Spuren.
„Ohne die Kuh bleibe ich nicht hier“, sagte der Ochse und folgte seinen Spuren.
„Es ist auf einmal so still“, dachte der Mann, der hinter seinem Ofen saß. Er rief nach den Jungen,
aber er bekam keine Antwort. Er ging in den Stall, aber der Stall war leer. Er schaute in den Hof
hinaus, aber die Schafe waren nicht mehr da.
„Der Junge ist geflohen und hat alle meine Tiere gestohlen“, schrie der Mann, als er die Spuren im
Schnee entdeckte.
Doch kaum hatte der Mann die Verfolgung aufgenommen, fing es an zu schneien. Es schneite di-
cke Flocken. Sie deckten die Spuren zu. Dann erhob sich ein Sturm, kroch dem Mann unter die
Kleider und biss ihn in die Haut. Bald wusste er nicht mehr, wohin er sich wenden sollte. Der Mann
versank immer tiefer im Schnee.
„Ich kann nicht mehr!“ stöhnte er und rief um Hilfe.
Da legte sich der Sturm. Es hörte auf zu schneien und der Mann sah einen großen Stern am
Himmel. „Was ist das für ein Stern?“ dachte er. Der Stern stand über einem Stall, mitten auf dem
Feld. Durch ein kleines Fenster drang das Licht der Hirtenlampe.
Der Mann ging darauf zu. Als er die Tür öffnete, fand er alle, die er gesucht hatte, die Schafe, den
Esel, den Ochsen, die Kuh, den kleinen Hund und den Jungen.
Sie waren um eine Krippe versammelt. In der Krippe lag ein Kind. Es lächelte ihm entgegen, als
ob es ihn erwartet hätte.
„Ich bin gerettet“, sagte der Mann und kniete neben dem Jungen vor der Krippe nieder.
Am anderen Morgen kehrte der Mann, der Junge, die Schafe, der Esel, die Kuh, der Ochse und
der kleine Hund wieder nach Hause zurück. Auf der Erde lag Schnee, es war kalt. „Komm ins
Haus“, sagte der Mann zu dem Jungen, „ich hab genug Holz. Wir wollen die Wärme teilen.“
von Max Bollinger
Nur ein Strohhalm
Die Hirten sind gekommen und dann wieder gegangen. Vielleicht haben sie damals Geschenke
mitgebracht, aber gegangen sind sie mit leeren Händen.
Ich kann mir aber vorstellen, dass vielleicht ein Hirte, ein ganz junger, doch etwas mitgenommen
hat von der Krippe. Ganz fest in der Hand hat er es gehalten
Die anderen haben es erst gar nicht bemerkt. Bis auf einmal einer sagte: „Was hast du denn da in
der Hand?“ – „Einen Strohhalm.“ sagte er, „einen Strohhalm aus der Krippe, in der das Kind ge-
legen hat.
„Einen Strohhalm!“, lachten die anderen, „das ist ja Abfall! Wirf das Zeug weg.“ Aber er schüttelte
nur den Kopf. „Nein“, sagte er „,den behalte ich, für mich ist er ein Zeichen, ein Zeichen für das
Kind. Jedes mal, wenn ich diesen Strohhalm in der Hand halten werde, dann werde ich mich an
das Kinde erinnern und daran, was die Engel von ihm gesagt haben.“
Und wie ist das mit dem kleinen Hirten weitergegangen?
Am nächsten Tag, da fragten die anderen Hirten ihn. „Und, hast du den Strohhalm immer noch?
Ja? Mensch, wirf ihn weg, das ist doch wertloses Zeug!“ Er antwortete: „Nein, das ist nicht wertlos.
Das Kind Gottes hat darauf gelegen.“ – „Ja und?“ lachten die anderen, “ das Kind ist wertvoll, aber
nicht das Stroh.“
Ihr habt Unrecht“, sagte der kleine Hirte, „das Stroh ist schon wertvoll. Worauf hätte das Kind
denn sonst liegen sollen, arm wie es ist? Nein, mir zeigt es, dass Gott das Kleine braucht, das
Wertlose. Ja, Gott bracht die Kleinen. Die, die nicht viel können, die nichts wert sind.“ Ja, der
Strohhalm aus der Krippe war dem kleinen Hirten wichtig. Wieder und wieder nahm er ihn in die
Hand, dachte an die Worte der Engel, freute sich darüber, dass Gott die Menschen so lieb hat,
das er klein wurde wie sie. Eines Tages aber nahm ihm einer der anderen den den Strohhalm weg
und sagte wütend. „Du mit deinem Stroh. Du machst mich noch ganz verrückt!“ Und er zerknickte
den Halm wieder und wieder und warf ihn zur Erde.
Der kleine Hirte stand ganz ruhig auf, strich ihn wieder glatt und sagte zu den anderen: „Sieh
doch, er ist geblieben, was er war. Ein Strohhalm. Deine ganze Wut hat daran nichts ändern
können. Sicher, es ist leicht, einen Strohhalm zu knicken, und du denkst ‚Was ist schon ein Kind,
wo wir einen starken Helfer brauchen‘. Aber ich sage dir: Aus diesem Kind wird ein Mann und der
wird nicht totzukriegen sein. Er wird die Wut der Menschen aushalten, ertragen und bleiben, was
er ist – Gottes Retter für uns. Denn Gottes Liebe ist nicht klein zu kriegen.“
frei wiedergegeben nach einer Erzählung aus Mexiko
Die goldene Kette
Hallo! Ich hoffe, ihr habt ein wenig Zeit, denn ich möchte Euch eine Geschichte erzählen, die ich
selber erlebt habe. Das ist zwar jetzt einige Jahre her, aber dafür ist alles wirklich passiert.
Es fing damit an, dass ich eine Einladung bekommen habe. Eine ganz, ganz entfernte Verwandte,
die schon seit langem in einem anderen Land lebte, erwartete ein Kind. Und zum Fest der Geburt
war ich eingeladen! Zwei meiner Freunde waren auch eingeladen, und weil wir noch nie in dem
fremden Land waren und noch überhaupt keine so weite Reise gemacht haben, beschlossen wir
voller Abenteuerlust, uns auf den Weg zu machen.
Damals, das müsst Ihr wissen, gab es noch keine Flugzeuge oder Schnellbahnen, und so muss-
ten wir viel Zeit für unsere Reise einplanen. Aber das war nicht das Problem, wir freuten uns
schon darauf, unterwegs neue Länder kennen zu lernen. Wir machten uns vielmehr Gedanken
darüber, was wir wohl als Geschenk mitnehmen könnten. Meine beiden Freunde hatten sofort eine
gute Idee, aber ich überlegte lange, was ich wohl mitnehmen kann. Zu groß und zu schwer darf
ein Geschenk nicht sein, das man auf eine solange Reise mit sich tragen will.
Da fiel mir nach einigem Überlegen die goldene Kette ein, die schon seit Jahren in unserer Familie
immer dem ältesten Sohn gehörte. Eine ganz wertvolle goldene Kette aus kostbaren, großen
Kettengliedern mit einem seltsamen Schmuckstück dran. Das Schmuckstück sah aus wie zwei ge-
kreuzte Stäbe und war auch aus Gold. Ein Kreuz, sozusagen. Keiner aus unserer Familie konnte
sich erklären, was das zu bedeuten hatte, denn in unserem Land sah der Schmuck eigentlich
ganz anders aus: Wir hatten Herzen, Sterne, in einander verschlungene Kreise und kleine Tiere
aus Gold. Besonders die Tiere fand ich damals besonders schön. Aber ein einfaches Kreuz? Ich
wusste nicht, ob das Kind sich darüber freuen würde. Aber immerhin war es aus Gold, und das
war schon ein richtiger Schatz.
Ich hing mir die Kette aus Sicherheitsgründen um den Hals und wir machten uns auf den Weg.
Durch viele fremde Länder kamen wir, manchmal haben wir auf freiem Feld übernachtet; und ein-
mal sind wir sogar zwei Tage in einer Höhle gewesen, weil es in Strömen regnete und wir über
den aufgeweichten Boden nicht weitergehen konnten. Viele kleine und große Abenteuer haben wir
erlebt, aber davon möchte ich euch ein anderes Mal erzählen.
Eines Tages geschah etwas Merkwürdiges. Ein kleines Kind stand plötzlich mitten im Weg und bat
mich um eine Gabe. Es war ganz abgemagert und hatte sicher schon seit Wochen nicht mehr
richtig gegessen. Leider haben wir solch arme Menschen oft getroffen, denn es gab zu der Zeit
viel Not und Elend bei den Menschen. Doch diesmal merkte ich, wie sich die Kette um meinem
Hals auf einmal löste. Mit der einen Hand konnte ich sie noch gerade fassen, und mit der anderen
Hand fing ich ein einzelnes Kettenglied auf. Ihr könnt euch vorstellen, was für große Augen das
Kind bekam, als es in meiner Hand den goldenen Ring sah. Weil es dachte, dass ich ihn ver-
schenken wollte, strahlte es über das ganze Gesicht, begann vor Freude zu hüpfen und umarmte
mich.
Als ich den kleinen, ausgemergelten Körper in meinen Armen spürte, konnte ich nicht mehr
anders. Ich habe dem Kind wirklich das Kettenglied geschenkt und zugesehen, dass ich schnell
weiterkam.
Natürlich war die Kette jetzt zu klein, um sie weiter um den Hals zu tragen. Aber so ein neugebo-
renes Kind hat ja nicht so einen dicken Hals wie ich, nicht wahr? Die Kette würde wohl schon
passen.
Aber ein paar Tage später sah ich auf unserem Weg ein Gruppe Waldarbeiter, die Bäume fällten
und zu Brennholz machten. Als wir vorbeizogen, fiel einer der Holzfäller vor Erschöpfung zu
Boden. Sofort kam der Vorarbeiter mit einer Peitsche in der Hand und schlug auf den armen Mann
am Boden ein. Ich hatte meine Hand, in der ich die goldene Kette jetzt trug, in meiner Mantelta-
sche. Da spürte ich, wie sich diesmal zwei Glieder der Kette löste. Ohne zu zögern gab ich das
eine Kettenglied dem Vorarbeiter und kaufte den armen, erschöpften Mann frei. Das andere
drückte ich dem ausgepeitschten Mann, der mich fassungslos anstarrte, in seine schwieligen
Hände. «Wenn er das goldene Glied verkauft», dachte ich, «hat er sicher genug Geld, um ein Jahr
gut zu leben. Vielleicht kann er sogar noch eine Familie ernähren, wenn er eine hat.» Aber ich
habe nicht gefragt – ich bin weitergezogen, noch bevor jemand unangenehme Fragen stellen
konnte.
Die Kette war jetzt eigentlich keine Halskette mehr. Aber vielleicht konnte das Kind, dem ich sie
schenke wollte, die Kette wie ein Armband um das Handgelenk tragen?
Aber noch einmal kam mir etwas in die Quere. Eine heruntergekommene Räuberbande lauerte
uns auf und umstellte uns von einen auf den anderen Augenblick. Meine beiden Freunde wollten
schon zu ihren Waffen tragen und sich zur Wehr setzen, als sich die restlichen Kettenglieder alle
auf einmal lösten und mir in meine offene Hand kullerten. «Was!?» dachte ich, «Ich soll damit Ver-
brecher und Lumpenpack unterstützen?» Aber die Kette hatte wohl ihren eigenen Willen, und so
bot ich den Räubern an, dass ich jedem von ihnen ein Stück Gold geben würde, wenn sie uns in
Frieden ziehen lassen würden. Nun, offensichtlich hatte keiner von ihnen Lust zu kämpfen, und so
stimmten sie schnell zu und ließen uns in Frieden ziehen, jetzt um eine beträchtliche Summe rei-
cher als zuvor.
Aber mir war gar nicht wohl zu Mute. Die wertvolle Kette war verloren, mir blieb als Geschenk nur
noch dieses seltsame Kreuz. Ohne Kette sah es einfach nach gar nichts aus, und ich fragte mich,
ob ich es überhaupt verschenken soll. Alle würden vermutlich lachen, denn wer hat schon jemals
ein so langweiliges Schmuckstück gesehen?
So kamen wir schließlich an unser Ziel. Durch unsere Abenteuer waren wir nicht rechtzeitig zur
Geburt gekommen, aber das war nicht schlimm; es war schön, überhaupt angekommen zu sein.
Als ich aber die ärmliche Unterkunft sah, in der der Vater, die Mutter und das Kind untergekom-
men waren, tat es mir nochmal so leid um die wertvolle Kette. Die drei konnten Geld wirklich ge-
brauchen: In einem Stall war das Kind zur Welt gekommen, ganz in der Nähe von Bethlehem.
Schon viele andere Menschen – hauptsächlich arme Leute, Hirten und Bauern – waren der Ein-
ladung gefolgt und hatten das Kind begrüßt. Meine beiden Freunde knieten ebenfalls vor dem
Kind nieder, der eine schenkte eine große Kiste mit Weihrauch, ein ganz seltener und kostbarer
Schatz; und mein zweiter Reisegefährte gab seine wertvollsten Salben und Düfte her: Myrrhe,
Aloë und Kassia.
Nur ich stand etwas verlegen vor dem Kind. Meine Kette war ja verloren. Sollte ich nun wirklich
das unscheinbare Kreuz hergeben? Immerhin war es aus reinem Gold, und wenn es auch zu-
sammen mit der Kette mehr wert war als alle anderen Geschenke, so war es auch alleine eine hilf-
reiche Sache für die armen Leute. So beugte auch ich meine Knie und gab dem Kind das goldene
Kreuz.
Ihr glaubt gar nicht, was da geschah: Plötzlich sah ich die Welt voller Licht, Musik erfüllte den Stall
von so wunderbarer Reinheit, wie ich sie nie wieder vernommen hatte. Und dann hörte ich das
Kind sprechen. Ja, der kleine, frischgeborene Sohn sprach zu mir! Ich hörte seine Stimme in
meinen Ohren, auch wenn der Kleine seinen Mund nicht bewegte.
„Danke!“ sagte er zu mir und strahlte mich an.
„Och, nicht dafür!“ gab ich leise zurück, und wurde ein wenig verlegen: „Eigentlich gehört noch
eine Kette dazu, aber die habe ich auf der Reise verloren.“
„Nein,“ sagte das Kind und lächelte, „nichts hast Du verloren. Du hast Deine Kette aus Gold nur
eingetauscht in eine unendlich wertvollere Kette.“ und schaute an mir vorbei. Da wendete ich mich
um und mir kamen die Tränen: Ich sah, dass alle, denen ich ein Glied der Kette geschenkt hatte,
mir heimlich gefolgt waren und nun ebenfalls das Kind anbeteten. Das abgemagerte Kind war mit
seiner Familie und seinen Freunden dort und schaute im Gebet versunken auf die Krippe. Der ge-
meine Vorarbeiter sah gar nicht mehr so gemein aus und betete genauso wie der arme Holzfäller.
Sogar die Räuberbande kniete hinter mir und blickte andächtig auf das Kind. Frieden erfüllte ihre
Gesichter.
„Mit den Menschen, die Du mir geschenkt hast, werde ich eine Kette durch alle Zeiten bauen“,
meinte das kleine Kind. „Und hiermit“ fuhr das Kind ernst fort und hielt mit beiden Händen das
goldene Kreuz fest, „hiermit werde ich dafür sorgen, dass diese Kette bis in den Himmel reicht.“
A. Tobias
Der Engel Heinrich
Als ich dieses Jahr meine Pyramide und die Krippe und die zweiunddreißig Weihnachtsengel
wieder einpackte, behielt ich den letzten in der Hand.
„Du bleibst“, sagte ich. „Du kommst auf meinen Schreibtisch. Ich brauche ein bisschen Weih-
nachtsfreude für das ganze Jahr.“
„Da hast du aber ein Glück gehabt“, sagte er.
„Wieso?“ fragte ich ihn.
„Na, ich bin doch der einzige Engel, der reden kann.“
Stimmt! Jetzt erst fiel es mir auf. Ein Engel, der reden kann? Das gibt es ja gar nicht! In meiner
ganzen Verwandtschaft und Bekanntschaft ist das noch nicht vorgekommen. Da hatte ich wirklich
Glück gehabt.
„Wieso kannst du eigentlich reden? Das gibt es doch gar nicht. Du bist doch aus Holz!“
„Das ist so. Nur wenn jemand einmal nach Weihnachten einen Engel zurückbehält, nicht aus
Versehen oder weil er sich nichts dabei gedacht hat, sondern wegen der Weihnachtsfreude, wie
bei dir, dann können wir reden. Aber es kommt ziemlich selten vor. Übrigens heiße ich Heinrich.“
„Heinrich? Bist du denn ein Junge? Du hast doch ein Kleid an!“ – Heinrich trägt nämlich ein langes,
rotes Gewand.
„Das ist eine reine Modefrage. Hast du schon einmal einen Engel in Hosen gesehen? Na also.“
Seitdem steht Heinrich auf meinem Schreibtisch. In seinen Händen trägt er einen goldenen Pa-
pierkorb, oder vielmehr: Einen Müllkorb. Ich dachte erst, er sei nur ein Kerzenhalter, aber da hatte
ich mich geirrt, wie ihr gleich sehen werdet. Heinrich stand gewöhnlich still an seinem Platz, hinter
der rechten hinteren Ecke meiner grünen Schreibunterlage (grün und rot passt so gut zusammen!)
und direkt vor ein paar Büchern, zwei Bibeln, einem Gesangbuch und einem Bändchen mit Gebe-
ten. Und wenn ich mich über irgendetwas ärgere, hält er mir seinen Müllkorb hin und sagt: „Wirf
rein!“ Ich werfe meinen Ärger hinein – und weg ist er!
Manchmal ist es ein kleiner Ärger, zum Beispiel wenn ich wieder meinen Kugelschreiber verlegt
habe oder eine fremde Katze in unserer Gartenlaube vier Junge geworfen hat. Es kann aber auch
ein großer Ärger sein oder eine große Not oder ein großer Schmerz, mit dem ich nicht fertig
werde, zum Beispiel, als kürzlich ein Vater und eine Mutter erfahren mussten, dass ihr fünfjähriges
Mädchen an einer Krankheit leidet, die nicht mehr zu heilen ist. Wie soll man da helfen! Wie soll
man da trösten! Ich wusste es nicht. „Wirf rein!“ sagte Heinrich, und ich warf meinen Kummer in
seinen Müllkorb.
Eines Tages fiel mir auf, dass Heinrichs Müllkorb immer gleich wieder leer war.
„Wohin bringst du das alles?“
„In die Krippe“, sagte er.
„Ist denn so viel Platz in der kleinen Krippe?“
Heinrich lachte. „Pass auf! In der Krippe liegt ein Kind, das ist noch kleiner als die Krippe. Und
sein Herz ist noch viel, viel kleiner.“
Er nahm seinen Kerzenhalter unter den linken Arm und zeigte mit Daumen und Zeigefinger der
rechten Hand, wie klein.
„Denn deinen Kummer lege ich in Wahrheit gar nicht in die Krippe, sondern in das Herz dieses
Kindes. Verstehst du das?“
Ich dachte lange nach. „Das ist schwer zu verstehen. Und trotzdem freue ich mich. Komisch,
was?“
Heinrich runzelte die Stirn. „Das ist gar nicht komisch, sondern die Weihnachtsfreude,
verstanden?“
Auf einmal wollte ich Heinrich noch vieles fragen, aber er legte den Finger auf den Mund. „Psst!“
sagte er. „Nicht reden! Nur sich freuen!“
Dietrich Mendt
Gibt es einen Weihnachtsmann?
Die achtjährige Virginia O´Hanlon aus New York wollte es ganz genau wissen. Darum schrieb sie
an die Tageszeitung „Sun“ einen Brief:
„Ich bin acht Jahre alt. Einige von meinen Freunden sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa
sagt, was in der „Sun“ steht, ist immer wahr. Bitte, sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?
– Virginia O´Hanlon.“
Die Sache war dem Chefredakteur so wichtig, daß er seinen erfahrensten Kolumnisten, Francis P.
Church, beauftragte, eine Antwort zu entwerfen – für die Titelseite der „Sun“.
„Virginia, Deine kleinen Freunde haben nicht recht. Sie glauben nur, was sie sehen; sie glauben,
daß es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können.
Aller Menschengeist ist klein, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall
verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahr-
heit zu erfassen und zu begreifen.
Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiß wie die Liebe und Großherzigkeit
und Treue. Weil es all das gibt, kann unser Leben schön und heiter sein. Wie dunkel wäre die
Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Es gäbe dann auch keine Virginia, keinen Glauben,
keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem
Schönen bliebe übrig. Aber das Licht der Kindheit, das die Welt ausstrahlt, müßte verlöschen.
Es gibt einen Weihnachtsmann, sonst könntest Du auch den Märchen nicht glauben. Gewiß, Du
könntest Deinen Papa bitten, er solle am Heiligen Abend Leute ausschicken, den Weihnachts-
mann zu fangen. Und keiner von ihnen bekäme den Weihnachtsmann zu Gesicht – was würde das
beweisen? Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts. Die wichtigsten Dinge
bleiben meistens unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf Mondwiesen tanzen. Trotzdem
gibt es sie.
All die Wunder zu denken – geschweige denn sie zu sehen – das vermag nicht der Klügste auf der
Welt. Was Du auch siehst, Du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach
den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum?
Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal die Ge-
walt auf der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann
werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein.
„Ist das denn auch wahr?“ kannst Du fragen. Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist wahrer und
nichts beständiger. Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehnmal zehn-
tausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.
Frohe Weihnacht, Virginia. Dein Francis Church.“
P.S.: Der Briefwechsel zwischen Virginia O´Hanlon und Francis P. Church stammt aus dem Jahr
1897. Er wurde über ein halbes Jahrhundert – bis zur Einstellung der „Sun“ 1950 – alle Jahre
wieder zur Weihnachtszeit auf der Titelseite der Zeitung abgedruckt
Das Lied des Hirten
Auf einen Stock gestützt, den Blick zu den Sternen erhoben, stand der alte Hirte auf dem Felde.
„Er wird kommen“, sagte er.
„Wann wird Er kommen?“ fragte der Enkel.
„Bald!“
Die andern Hirten lachten.
„Bald!“ höhnten sie. „Das sagst du nun seit Jahren!“
Der Alte kümmerte sich nicht um ihren Spott. Nur der Zweifel, der in den Augen des Enkels auffla-
ckerte, betrübte ihn. Wer sollte, wenn er starb, die Weissagungen der Propheten weitertragen?
Wenn er doch bald käme. Sein Herz war voller Erwartung. „Wird Er eine goldenen Krone tragen?“
unterbrach der Enkel seine Gedanken. „Ja!“ „Und einen purpurnen Mantel?“ „Ja! Ja!“
Der Enkel war zufrieden.
Ach, warum versprach er ihm, was er selbst nicht glaubte! Wie würde er denn kommen? Auf
Wolken aus dem Himmel? Aus der Ewigkeit? Als Kind? Arm oder reich? Bestimmt ohne Krone,
ohne Schwert, ohne Purpurmantel – und doch mächtiger als alle andern Könige.
Wie sollte er es dem Enkel begreiflich machen?
Der Junge saß auf einem Stein und spielte auf seiner Flöte. Der Alte lauschte. Er spielte von Mal
zu Mal schöner, reiner. Der Junge übte am Morgen und am Abend, Tag für Tag. Wenn es stimm-
te, was der Großvater sagte, so musste er bereit sein, wenn der König kam. Keiner spielte so wie
er. Der König würde sein Lied nicht überhören. Der König würde ihn dafür beschenken. Mit Gold,
mit Silber!
Er würde ihn reich machen, und die andern würden staunen.
Eines Nachts standen die Sterne am Himmel, nach denen der Großvater Ausschau gehalten
hatte. Die Sterne leuchteten heller als sonst. Über der Stadt Betlehem stand ein grosser Stern.
Und dann erschienen Engel und sagten: „Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland
geboren!“ Der Junge lief voraus, dem Licht entgegen. Unter dem Fell auf seiner Brust spürte er
die Flöte. Er lief so schnell er konnte.
Da stand er als erster und starrte auf das Kind. Es lag in Windeln gewickelt in einer Krippe. Ein
Mann und eine Frau betrachteten es froh. Die andern Hirten, die ihn eingeholt hatten, fielen vor
ihm auf die Knie. Der Großvater betete es an. War das nun der König, den er ihm versprochen
hatte? Nein, das musste ein Irrtum sein.. Nie würde er hier sein Lied spielen. Er drehte sich um,
enttäuscht, von Trotz erfüllt. Er trat in die Nacht hinaus. Er sah weder den offenen Himmel noch
die Engel, die über dem Stall schwebten. Aber dann hörte er das Kind weinen. Er wollte es nicht
hören. Er hielt sich die Ohren zu, lief weiter. Doch das Weinen verfolgte ihn, ging ihm zu Herzen,
zog ihn zurück zur Krippe.
Da stand er zum zweitenmal. Er sah, sie Maria und Josef und auch die Hirten erschrocken das
weinende Kind zu trösten versuchten. Vergeblich! Was hatte es nur? Da konnte er nicht anders.
Er zog die Flöte aus dem Fell und spielte sein Lied. Das Kind wurde still. Es schaute ihn an und lä-
chelte. Da wurde er froh und spürte, ,wie das Lächeln ihn reicher machte als Gold und Silber.
Von Max Bollinger