Do. Dez 8th, 2022
Eine Weihnachtsgeschichte von Catharina Bachem Tonger

Die ganze Gemeinde war stolz auf die Weihnachtskrippe in ihrer Pfarrkirche. Denn alle hatten ihren Anteil zu der kunstvollen Bastelarbeit der Krippe beigetragen. Auch die Bemalung der lebendig wirkenden Figuren von Maria und Joseph, der Hirten und Könige, von Öchslein und Eselein und den weißen wolligen Lämmchen, die sich zwischen den Hirten neugierig hinzudrängten, war Gemeinschaftswerk gewesen. Neben dem Eingang zur Höhle standen ein paar exotische Pflanzen, eine Zwergpalme, eine Aloe und ein paar blühende Kakteen. Über der Höhle leuchtete der Stern von Bethlehem. Das Innere der Höhle lag im Dunkel, aber in der Wölbung war eine Öffnung, durch die der helle Glanz des Sterns hereinstrahlte. Er beschien das Jesuskind in der Krippe, es war, als ginge von dem göttlichen Kinde aller Glanz aus, der vom Antlitz seiner Mutter widerstrahlte und der auch all die anderen Figuren hell und leuchtend aus dem geheimnisvollen Dunkel hob.

Das Jesuskind in der Krippe war die Freude aller Kinder. Es lächelte so lieb und hold und streckte seine Händchen aus, als wolle es sagen: „Lasset die Kindlein zu mir kommen -.“ Und sie kamen nur zu gern.

Niemand hätte sich ein Weihnachtsfest ohne diese Krippe vorstellen können. Fing doch das Weihnachtsfest an, wenn in der Mette um Mitternacht der Stern über der der Höhle aufleuchtete und in seinem hellen Licht das Jesuskind in der Krippe plötzlich sichtbar wurde, als sei es eben vom Himmel herabgestiegen.

Und dann geschah das Unfassbare: Als am dritten Tage nach Weihnachten der Pfarrer durch das Kirchenschiff zur Sakristei ging und dabei noch einen Blick auf die Krippe werfen wollte, kam ihm der Küster in heller Verzweiflung entgegen.

„Hochwürden – Hochwürden!“, stotterte er heiser vor Aufregung, „das Kind ist weg! Unser Jesuskind – aus der Krippe haben sie es gestohlen!“

Der Pfarrer schüttelte ungläubig den Kopf. „Das gibt es in unserer Gemeinde nicht.“

„Dann muss es jemand aus einer anderen Gemeinde sein, der neidisch auf unsere schöne Krippe war.“ Auch das schien dem Pfarrer nicht einzuleuchten. Er entgegnete ruhig und bestimmt: „Wir wollen selber Detektiv spielen. Ich setze mich hier in den Beichtstuhl und ziehe den Vorhang etwas zurück. So kann ich alles übersehen, was bei der Krippe geschieht. Und sie verstecken sich hinter dem Pfeiler dort.“

Kaum hatte der Küster sein Versteck und der Pfarrer seinen Spähposten bezogen, als die Kirchentür sich öffnete und kurze eilige Schritte von den Steinfliesen widerhallten. „So unbekümmert tritt kein Dieb auf“, sagte sich der Pfarrer und neigte sich etwas vor, um den Eintretenden besser sehen zu können.

Der Kleine, der da so selbstsicher, ohne nach links und rechts zu sehen, direkt auf die Krippe zulief, war ein etwa fünfjähriges Bübchen aus dem Dorf. „Wie wird er erschrecken, wenn er die Krippe leer findet“, dachte der Pfarrer mit Bedauern. Aber was trug er im linken Arm, sorglich mit dem Mäntelchen versteckt? Ob er dem Jesuskind ein Spielzeug bringen wollte? – Schon manchmal hatte der Pfarrer bunte Murmeln und Bälle und Süßigkeiten gefunden, die Buben und Mädchen dem Kind in der Krippe wie einem kleinen Spielkameraden heimlich gebracht hatten. Aber was der Kleine jetzt unter dem Mäntelchen hervorholte, schien ein großes Spielzeug zu sein.

Der Pfarrer vergaß für einen Augenblick seine Rolle als Detektiv und schob den Vorhang zurück, um zu beobachten, wie der Kleine sich verhielt, wenn er die Entdeckung machte, dass das Jesuskind verschwunden war.

Aber von Erschrecken war nichts zu bemerken. Das Kind beugte sich über die leere Krippe und legte mit äußerster Behutsamkeit das Mitgebrachte hinein. Dann glättete er sorgfältig Stroh und Moos ringsum, und als es dabei zur Seite trat und den Blick auf die Krippe freigab, glaubte der Pfarrer, seinen Augen nicht trauen zu dürfen – denn da lag vor ihm lächelnd, mit zärtlich ausgestreckten Händchen, das verschwundene Jesuskind.

Nun wandte sich der Knabe zum Weggehen. Aber dann blickte er sich noch einmal um und nickte dem Kind in der Krippe so vertraut und lächelnd zu, wie einem guten Kameraden nach fröhlichem Spiel.

Da stand der Pfarrer vor ihm.

„Wie kommst du zu dem Jesulein?“, fragte er maßlos erstaunt. „Wo hast du es gefunden?  Oder wer hat es dir gegeben?“

„Niemand hat es mir gegeben“, sagte der Bub, „ich habe es aus der Krippe genommen.“

„Aber warum denn? Was hast du denn mit dem Jesuskind gemacht?“

Jetzt wurde der Kleine verlegen und blickte scheu vor sich hin.

Dann schaute er den Pfarrer treuherzig an und sagte: „Herr Pfarrer, das war nämlich so: Ich hätte so gern einen schönen Roller gehabt, weil ich doch so gern Roller fahre.“

„Und hast du keinen bekommen?“, fragte der Pfarrer voll Bedauern.

„Meiner Mutter war er zu teuer“, erklärte der Bub, „und da hab ich mir vom Christkind einen gewünscht.“

„Und das Christkind hat dir den Roller gebracht?“

„O ja, Herr Pfarrer“, sein Gesichtchen strahlte. „Einen ganz wunderschönen Roller. Und ich bin so glücklich und dem lieben Christkind so dankbar. Ach, Herr Pfarrer, und da hab ich gedacht, wo doch alle Kinder so gern Roller fahren, würde es dem Christkind auch Freude machen, und weil ich ihm so dankbar bin, wollte ich ihm mal zeigen, wie schön es sich mit dem neuen Roller fahren lässt…“

„Und da bist du mit dem Jesuskind Roller gefahren?“

„Ja, Herr Pfarrer, jetzt eben in der schönen Mittagssonne. Drei Ehrenrunden hab ich mit ihm um die -Kirche gemacht.“