Do. Mai 19th, 2022

Was ist Demenz?

Bei Vorliegen einer Demenz (Latein: „dementia“ bedeutet „ohne Geist“) kommt es zum Abbau kognitiver emotionaler und sozialer Fähigkeiten, der zu einer Beeinträchtigung von sozialen und beruflichen Funktionen führt. Vor allem ist das Kurzzeitgedächtnis, das Denkvermögen, die Sprache und die Motorik, und bei einigen Formen auch die Persönlichkeit betroffen. Entscheidend ist der Verlust bereits erworbener Fähigkeiten im Unterschied zur angeborenen Minderbegabung. Nicht alle Demenzursachen sind geklärt – trotzdem können einige Formen medikamentös behandelt werden, d.h. man kann durch Therapie die Symptome abschwächen. Die am häufigsten auftretende Demenzform, aber bei weitem nicht die einzige, ist die Alzheimer-Krankheit.

Für die Demenztherapie ist die Klärung der zugrunde liegenden Ursachen von Bedeutung, da es auch reversible Demenzformen gibt.

Zahlen & Statistik

Etwa 100.000 ÖsterreicherInnen leiden an einer dementiellen Erkrankung. 2050 wird diese Zahl auf etwa 230.00 angestiegen sein – denn mit dem Alter steigen Inzidenz- und Prävalenzzahlen. In Österreich wird jährlich etwa eine Milliarde Euro für die Versorgung Demenzkranker ausgegeben (75% nicht-medizinische-, 25% medizinische- und 6% Medikamentenkosten).

Die Alzheimer-Krankheit ist für 60-80% der Demenzen verantwortlich, gefolgt von der vaskulären Demenz (15-20%) und der Demenz mit Lewy-Bodies (7-20%). Andere Demenzformen sind selten (unter 10%). Mischformen sind häufig.

Neben den primär degenerativen Ursachen können auch neurologische Erkrankungen (z.B. intrakranieller Tumor, subdurales Hämatom, Hydrozephalus etc), psychiatrische Krankheiten (z.B.Depressionen), Internistische Erkrankungen (z.B. Schilddrüsenfunktionsstörungen) und chronische Einnahme bestimmter Medikamente zu Beeinträchtigungen des Gedächtnisses führen.

„Erster Österreichischer Demenzbericht“ zeigt……

Allgemeines Wo gibt es Optimierungspotenziale? Gefahren für pflegende Angehörige Informationsverlust an Schnittstellen Konzepte und Leitlinien für die Zukunft Demenz: Erste Anzeichen, Risikofaktoren und Prävention Was wird die Demenzversorgung der Zukunft kosten?

Allgemeines

Derzeit gibt es rund 100.000 Demenzkranke in Österreich, zwei Drittel davon sind Frauen. Da die Lebenserwartung der österreichischen Bevölkerung steigt, wird sich die Zahl der Demenzpatient/innen bis 2050 auf bis zu 270.000 erhöhen, also nahezu verdreifachen. Im Jahr 2050 könnte jede/r zwölfte Österreicherin/Österreicher über 60 dement sein.
Auch das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Demenzpatient/innen wird sich rapide verschieben: Bereits heute kommen auf eine/einen Demenzkranke/n nur mehr 42 Personen im erwerbsfähigen Alter. Im Jahr 2000 waren es noch 60. Dem „Ersten Österreichischen Demenzbericht“ zufolge geht diese Schere rasch auf: 2020 werden einem/einer Demenzkranken 32 Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüberstehen, im Jahr 2050 nur noch 15.

Wo gibt es Optimierungspotenziale?

Der „Erste Österreichische Demenzbericht“ des Competence Center Integrierte Versorgung (CCIV) zeigt auf, welche Herausforderungen mit der demografischen Veränderung der Bevölkerung auf das Gesundheits- und Sozialwesen zukommen. Er lotet die Optimierungspotenziale in der bestehenden Demenzversorgung aus und liefert die Grundlage für deren bundesweite Planung und Weiterentwicklung in nächster Zukunft.
Ein Problembereich, den der „Erste Österreichische Demenzbericht“ anspricht, sind etwa fehlende Behandlungspfade und Therapieleitlinien für Demenzerkrankte. In einem ersten Schritt werden diese bereits in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen erarbeitet. Als weiterer Problembereich konnte die mangelnde Koordination, Information und Überlastung der Angehörigen identifiziert werden. Die Auswertungen der Abrechnungsdaten der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) zeigt nämlich, dass über elf Prozent der Demenzerkrankten mehr als vierzigmal pro Jahr eine/einen Ärztin/Arzt konsultierten. Das weist darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte oft in die Rolle der Sozialarbeiter/innen geraten, weil keine/kein andere/anderer Ansprechpartner/in greifbar oder bekannt ist. Es zeigt sich, dass kompetente Case-Manager/innen als zentrale Ansprechpartner/innen für alle Fragen rund um die Pflege Demenzkranker – zur Entlastung der Angehörigen, aber auch der Ärztinnen und Ärzte unbedingt von Nöten sind.

Gefahren für pflegende Angehörige

Weiters wird belegt, wie wichtig die Rolle der pflegenden Angehörigen in der Demenzversorgung ist. Man geht davon aus, dass

  • 80 Prozent der Erkrankten zu Hause gepflegt werden und nur
  • 20 Prozent in einer stationären Einrichtung.

Aus dem Demenzbericht geht jedoch auch hervor, wie gefährdet die Angehörigen sind, durch die körperliche und seelische Dauerbelastung selbst zu erkranken. Zum überwiegenden Teil sind Frauen davon betroffen. Wer eine/n Demenzkranke/n pflegt, ist höherem Stress ausgesetzt als Pflegende, die für Personen ohne Demenz sorgen: Je nach Erhebung litten bis zu 47 Prozent der Pflegenden an Depressionen. Pflegende Angehörige haben sogar ein um 60 Prozent höheres Mortalitätsrisiko. Auch davon sind Frauen mehr betroffen als Männer, denn es sind überwiegend Frauen fortgeschrittenen Alters, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen. Die notwendige Unterstützung der Angehörigen kann sehr unterschiedlich aussehen: von der Einrichtung einer Krisenhotline über das Bereitstellen einer konkreten Handlungsanleitung, wie man mit dem fortschreitenden Gedächtnisschwund oder den Wesensversänderungen der/des Kranken umgehen kann, bis hin zur Organisation von Kurzzeitpflege, um auch Angehörigen einen Urlaub zu ermöglichen.

Informationsverlust an Schnittstellen

Ein weiteres Manko ist der immer wieder beklagte Informationsverlust an den Schnittstellen des Gesundheitssystems. Wechselt ein/e Patient/in von der/vom Allgemeinmediziner/in zur/zum Fachärztin/-arzt oder von der/vom niedergelassenen Ärztin/Arzt ins Spital, bleiben oft wichtige Informationen zur Krankheitsgeschichte auf der Strecke. Dieses Problem wiegt bei Demenzerkrankten umso schwerer, als sie nicht mehr in der Lage sind, über ihren Gesundheitszustand Auskunft zu geben.

Konzepte und Leitlinien für die Zukunft

Wie kann man die Versorgung von Demenzkranken verbessern und die Effizienz des Gesundheits- und Sozialsystems steigern?

Das CCIV der österreichischen Sozialversicherung wird auf der Basis des Demenzberichtes ein österreichweites, optimiertes Konzept im Sinne einer „integrierten Versorgung“ erarbeiten. Integrierte Gesundheitsversorgung zielt darauf ab, alle Schnittstellen im Gesundheits- und Sozialbereich so zu verbinden, dass keine Versorgungslücken entstehen. Konkret bedeutet dies eine reibungslose Vernetzung zwischen pflegenden Angehörigen, Haus- und Fachärzt/innen, Spital, Anbieter/innen sozialer Dienste, Sozialversicherung, Sozialarbeiter/innen usw.

Demenz: Erste Anzeichen, Risikofaktoren und Prävention

Wie sehen die ersten Anzeichen einer Demenz aus?

Die/der Patient/in vergisst ihren/seinen Namen, Nummern oder Ereignisse oder verlegt Gegenstände.

  • Die zeitliche und räumliche Orientierung werden allmählich zu einem Problem.

Es ist, als ob sich die/der Patient/in in einem Nebel verlieren würde. Das Tückische daran: Die Betroffenen bemerken die Veränderung, entwickeln aber Strategien, um ihre „Unzulänglichkeiten“ zu kaschieren, selbst vor den nächsten Angehörigen. Sie delegieren zB einfache Tätigkeiten, zu denen sie nicht mehr in der Lage sind, oder schlagen kategorisch Einladungen zu Geselligkeiten aus, um nicht in peinliche Situationen zu geraten. Auf diese Weise geht wertvolle Therapiezeit verloren. Wie bei jeder Krankheit gilt auch bei Demenz die Faustregel: Je früher diagnostiziert wird, desto größer die Chance, die Krankheit aufzuhalten oder die Symptome in den Griff zu bekommen.

Deshalb ist es wichtig so schnell wie möglich die/den Hausärztin/-arzt aufzusuchen, wenn sich die Gedächtnisleistung merklich eintrübt. Es gibt aber auch ganz einfache Möglichkeiten um das Gehirn fit zu halten:

  • neugierig sein
  • unternehmungslustig leben
  • viele Kontakte pflegen

Risikofaktoren wie genetische Veranlagung, Alter oder Geschlecht (Frauen sind eher demenzgefährdet als Männer) lassen sich zwar nicht beeinflussen, andere aber schon.
Schlecht fürs Gehirn sind:

  • (unbehandelter) Bluthochdruck
  • erhöhtes LDL-Cholesterin
  • unbehandelter Diabetes

Gut sind hingegen geistige Herausforderungen ein Leben lang, soziale Kontakte und viel Bewegung.

Was wird die Demenzversorgung der Zukunft kosten?

Im Rahmen eines Forschungsprojekts, das von Dr. Leo W. Chini, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, und dem CCIV betreut wurde, wurden Hochrechnungen über die zukünftigen Kosten des Gesundheits- und Pflegesektors durch Demenz angestellt. Die Gesamtkosten (ärztIiche Betreuung, Heilmittel, Krankenhaus, Pflege) pro Patient/in und Jahr betragen zurzeit rund 11.000 Euro bei häuslicher Pflege. Für den Fall der Pflege in einem Pflegeheim steigen die Kosten pro Jahr auf das Vierfache.
Bedingt durch den steigenden Anteil der „60+ Bevölkerung“ und der steigenden Lebenserwartung wird sich die Anzahl der „60+ Demenzkranken“ von über 100.000 (2008) auf ca. 270.000 im Jahre 2050 erhöhen. Entsprechend erhöhen sich die jährlichen Gesundheits- und Pflegekosten von 1,7 Mrd. Euro im Jahr 2007 auf ca. 4,6 Mrd. Euro im Jahr 2050 (Preisbasis 2008). Die Berechnungsergebnisse entsprechen den vergleichbaren Werten in Deutschland, den Niederlanden, skandinavischen Ländern, den USA und Kanada. Dabei noch nicht berücksichtigt sind die volkswirtschaftlichen Kosten außerhalb des Gesundheits- und Pflegesektors.

Neues Konzept ? Demenzdörfer? 1. Demenzdorf in Hogewey bei Amsterdam! Das Problem braucht Lösungen! Wegschauen ist falsch! Jeder ältere Mensch kann davon betroffen werden?

Kraft der Illusion – Ein Beispiel aus Holland!

© Hogewey

Ein Dorf für Demenzkranke

Sie hat frisches Obst vom Markt mitgebracht. Und den Hund. „Der ist immer mit dabei!“, erklärt Josefine van der Pek. Lächelnd schaut die 80-jährige Dame zu, wie es sich die undefinierbare kleine Promenadenmischung auf dem Schoß ihres Mannes bequem macht. Der sitzt in einem großen Plüschsessel mitten im Wohnzimmer und strahlt vor Freude, während er dem Haustier immer wieder über den Kopf streicht. „Es geht meinem Mann gut hier“, erzählt die rüstige Amsterdamerin. Allein habe sie es einfach nicht mehr geschafft: „Er lief mir dauernd weg, ich hatte keine ruhige Minute mehr“, sagt sie fast entschuldigend.

Pieter van der Pek hat Alzheimer. Seit Ende 2007 lebt der heute 81-Jährige im Pflegeheim „Hogewey“ östlich von Amsterdam in Weesp. Bis vor kurzem waren die 140 Patienten in einem Hochhauskomplex untergebracht. Doch inzwischen sind alle in das neue Alzheimerviertel umgezogen: ein komplettes Dorf mit Straßen, Gärten und einem Dorfplatz mit Boule-Bahn. Selbst Supermarkt, Theater, Friseur und Schönheitssalon fehlen nicht. Auch einen Hausarzt gibt es und eine Praxis für Physiotherapie.

Nachahmer gesucht

Hogewey gilt als das innovativste Pflegeheim, das die Niederlande Alzheimerpatienten zu bieten haben. Nicht umsonst hat ihm die niederländische Alzheimerstiftung das Prädikat „vorbildlich“ verliehen: „Eine prächtige Initiative, die hoffentlich viele Nachahmer findet!“, lobt Sprecherin Julie Meerveld. Denn die Bewohner von Hogewey können weitgehend so weiterleben wie früher in ihren eigenen vier Wänden. Das liegt nicht nur daran, dass sie in kleinen Häusern mit maximal sechs Bewohnern untergebracht sind. In dieser Wohngemeinschaft kann, wer will, weiterhin kochen, im Garten Unkraut jäten oder handwerkeln. Auch liegt es nicht nur daran, dass sich die 23 Häuschen und Wohneinheiten zusammen mit Läden, Cafés und Restaurants zu einem ganz normalen Straßenbild zusammenfügen.

Hogewey geht noch einen Schritt weiter: Hier können Alzheimerpatienten zusammen mit ihren Angehörigen sogar aus sieben verschiedenen Lebensstilen wählen. Damit bestimmen sie den Tagesablauf, das Essen, die Einrichtung, ja selbst die Musik, die gehört wird. „Wir haben uns für den christlichen Stil entschieden“, erklärt Josefine van der Pek und deutet auf das Kreuz über der Tür und die Psalmensprüche an den Wänden. „Es ist nicht so, dass wir jeden Sonntag in die Kirche gehen.“ Aber, so betont die alte Frau: „Das passte am besten zu meinem Mann. Hier kann ich ihn ohne schlechtes Gewissen zurücklassen und auch mal in die Ferien fahren.“ Genau darum geht es, bestätigt Sprecherin Isabel van Zuthem: „Wir bieten den Menschen ein Heim mit optimaler Versorgung und medizinischer Hilfe, wobei sie möglichst wenig von ihrem früheren Leben aufgeben müssen und weiterhin in einer für sie vertrauten Umgebung leben können.“

© Hogewey

Küche in einer der Wohngemeinschaften

Die sieben verschiedenen Lebensstile wurden von einem Meinungsforschungsinstitut anhand einer Analyse der niederländischen Gesellschaft entwickelt: Neben dem christlichen gibt es den kulturellen Lebensstil für alle, die im Laufe ihres Lebens viel Wert auf Kunst und Kultur gelegt haben: In diesen Wohnungen stehen viele Bücher und ein Klavier, die Bewohner sind Mitglied im Mozart-Verein, gehen regelmäßig ins Theater und besuchen Museen und Konzerte.

Ausflug ins Café um die Ecke

Stadtmenschen aus Kleine-Leute-Vierteln wie dem Amsterdamer Jordaan hingegen wählen die volkstümliche Variante mit Wohnungen im ersten Stock: Sie gehen oft ins Café um die Ecke oder „Pannenkoek“ essen, spielen Karten und sind Mitglied der Oranje-Vereinigung, um das Königshaus in Ehren zu halten.

Der „Häusliche Stil“ wurde für alle entwickelt, die das Leben in der Stadt nicht gewohnt sind und mehr Wert auf Ruhe legen, es aber ebenfalls traditionell mögen mit viel Eichenmöbeln und den für Holland so typischen kleinen Teppichen auf den Tischen. Wohlhabende Patienten aus der „Upper Class“ können auf gewohnten Luxus zurückgreifen mit Teekränzchen und Kronleuchtern. Auch ehemalige Handwerker und Arbeiter haben ihren eigenen Stil. Und selbst an Niederländer, die lange in der ehemaligen Kolonie Indonesien gelebt haben, und an indonesische Immigranten wurde gedacht: Für sie gibt’s die indonesische Variante.

„Die könnte allerdings schon bald verschwinden und durch eine muslimische ersetzt werden“, prophezeit Isabel van Zuthem. Bislang habe die Muslimgemeinschaft in den Niederlanden zwar noch keinen Bedarf, da sie selbst für alte und kranke Familienangehörige sorge: „Aber das könnte sich ändern: Immer mehr muslimische Frauen fangen an zu arbeiten“, erklärt van Zuthem und steuert auf die nächste Haustür zu, um zu klingeln: „Auch das gehört dazu, wir platzen nirgendwo einfach so rein.“

Buddha und Saris

Oft ist der entsprechende Stil den Häusern schon von außen anzusehen: Im indonesischen Vorgarten plätschert ein Brunnen mit einem steinernen Buddha zwischen Vogelfiguren. Es duftet nach exotischen Kräutern und Reis; aus den Lautsprechern der Stereoanlage perlen asiatische Klänge. Die Kissen auf den dunklen Holzmöbeln sind genauso knallbunt wie die Saris der beiden alten Damen, die den blühenden Orchideen auf der Fensterbank gerade Wasser geben.

Gleich gegenüber bei den Handwerkern und Arbeitern hängen Wäscheklammern an der Leine, die Milchflaschen stehen vor der Tür, weiter hinten im Garten steht ein selbst gezimmerter Kaninchenstall, daneben eine über und über mit Farbklecksen bespritzte Leiter. „Eet smakelijk!“, ruft Isabel und wünscht allen einen guten Appetit, denn die sechs Bewohner sind beim Mittagessen. Es ist zwar erst zwölf Uhr, aber das Frühstück liegt weit zurück: „Hier sind alle Frühaufsteher, das haben sie ihr Leben lang so gemacht“, erklärt Betreuerin Cora Jansen.

© Hogewey

Vorgärten und Wohnzimmer

In der Upper Class und bei den „Kulturleuten“ sei das ganz anders: „Die bleiben schon mal bis nach neun Uhr liegen.“ Bei den Handwerkern und Arbeitern brauche sie auch keinen Rotwein auf den Tisch zu stellen: „Da wird Bier getrunken.“ Und statt High Tea mit Häppchen gibt es „Andijvie-stamppot“, ein urholländisches Gericht aus Kartoffelbrei mit untergerührtem Endiviensalat.

Hogewey schenkt seinen Bewohnern die Illusion der völligen Bewegungsfreiheit. Verlassen können sie das Viertel zwar nicht, aber sich draußen auf der Straße unter die Leute mischen. Dabei handelt es sich auch um Menschen aus der Umgebung: Die können das Viertel nach Belieben betreten und wieder verlassen, um einzukaufen, die Restaurants zu besuchen oder ins Theater zu gehen.

Betreuer in Alltagskleidung

Die Betreuer, die sich um jeweils eine Wohneinheit kümmern, tragen keine weißen Kittel. Nichts soll an ein Leben im Heim erinnern. „Versorgung und Pflege spielen sich unsichtbar hinter den Kulissen ab“, so Sprecherin van Zuthem. „Auf der Bühne hat das scheinbar normale Alltagsleben die Hauptrolle.“ Eine Illusion – mit großem Effekt: „Wir merkten es sofort am Gemütszustand unserer Patienten: Sie sind viel ruhiger als vorher im Hochhaus“, erzählt van Zuthem. „Sie haben auch weniger Angst, rufen weniger um Hilfe. Und sie fühlen sich nicht mehr eingeschlossen.“ Die Kosten werden so wie für andere Pflegeheime mit der Pflegepflichtversicherung bestritten. Für Extras wie Ausflüge oder Vereinsmitgliedschaften muss zusätzlich bezahlt werden.

Doch so wohl sich die Patienten in Hogewey auch fühlen mögen: Den Zeitpunkt der Aufnahme versuchen die meisten Angehörigen so weit wie möglich hinauszuzögern. Dabei werden sie nicht alleingelassen, sondern finden Unterstützung im sogenannten Alzheimercafé: Zu dieser Veranstaltung treffen sich Angehörige von Alzheimerpatienten, Ärzte, Pfleger und Sozialarbeiter sowie die Alzheimerpatienten selbst – stets an leicht zugänglichen Orten wie Bürgerzentren oder Seniorenheimen, nie in Alzheimerpflegeheimen selbst.

Denn die Hemmschwelle soll niedrig sein: „Für viele ist die Krankheit immer noch ein Tabu“, weiß Mitorganisatorin Corrie Wassenaar vom Alzheimercafé im Badeort Katwijk. Die resolute Holländerin legt am Eingang des Seniorenheims Salem gerade Infobroschüren für das nächste Treffen bereit, das in zehn Minuten beginnen soll – wie immer an jedem zweiten Mittwoch im Monat.

Salem liegt gleich hinter den Nordseedünen. Aus dem Aufenthaltsraum klingt gemütliche Musik. An kleinen Tischen sitzen Jung und Alt angeregt plaudernd und – wie es in den Niederlanden nach dem Abendessen üblich ist – bei einem Kopje Koffie. Es hat etwas von einem geselligen Kegelklubtreffen. „Wir benutzen absichtlich das Wort Café, denn alles soll in ungezwungener Atmosphäre stattfinden“, erklärt Corrie Wassenaar. „Bei Musik und Kaffee versuchen wir, Tabus rund um Alzheimer zu brechen und offen über die Krankheit zu sprechen.“ Organisiert wird die Veranstaltung von den jeweiligen Kommunen zusammen mit den Pflegeinstanzen. Das erste Alzheimercafé fand vor 13 Jahren statt, inzwischen gibt es sie in 170 Gemeinden, wie ein Netz über das ganze Land verteilt.

© Hogewey

Theaterplatz im Demenzdorf

Patienten brauchen Ruhe und Struktur

Auch Ans Haasnoot hat auf diese Weise viel Unterstützung gefunden: „Man lernt so viel hier, die Gespräche haben mir enorm geholfen“, erzählt die 78-Jährige, die sich in Salem gerade an einem der Tische niedergelassen hat. Neben ihr sitzt ihr Mann. 93 Jahre ist er alt und seit vier Jahren dement: „Wir sitzen alle im selben Boot“, erklärt seine Frau. „Hier brauche ich nichts lange umständlich zu erklären. Jeder versteht jeden sofort und begreift, was es bedeutet, mit einem Alzheimerpatienten zu leben, der 24 Stunden lang betreut werden muss.“

Viele Patienten sträuben sich anfangs, mitzukommen, weil sie sich weigern, die Krankheit zu akzeptieren. „Aber mein Mann war von Anfang an mit dabei“, erzählt Ans Haasnoot und schenkt ihm ein Kopje Koffie ein. „Inzwischen kann ich leicht darüber reden“, seufzt sie. Doch anfangs, nach der Diagnose, habe sie nur eines getan: „Weinen, weinen, weinen.“

Gastredner an diesem Abend ist der pensionierte Katwijker Hausarzt Jaap Timmers. In seiner Praxis hat er immer wieder erlebt, dass die Angehörigen einen Alzheimerpatienten wie ein kleines Kind behandeln und sogar für ihn antworten. „Völlig falsch“, sagt Doktor Timmers: „Man darf dem Patienten nicht seine Würde nehmen, was er braucht, ist Ruhe und Struktur.“ Ebenso unangebracht sei es deshalb, sich irritiert zu zeigen und den Patienten unter Druck zu setzen – etwa unter dem Motto: „Papa, stell dich nicht so an. Du wirst ja wohl noch wissen, ob du über oder unter 70 Jahre alt bist.“

Lange Wartelisten

Rusdie und Meschid Sauri haben andächtig zugehört. Die beiden Brüder sind zum ersten Mal hier, bei ihrer Mutter wurde gerade Alzheimer diagnostiziert: „Dabei ist sie erst 59 Jahre alt.“ Entsetzen und Hilflosigkeit sind groß: „Hoffentlich können uns andere Menschen helfen, damit umzugehen“, meint der 24-jährige Rusdie. „Es ist so schwer, mitanzusehen, wie ein geliebter Mensch sich verändert und seine Unabhängigkeit verliert.“ Die Mutter selbst ist nicht dabei, sie hat sich geweigert mitzukommen: „Mama will es einfach noch nicht wahrhaben.“ Auch über den nächsten Schritt, die Aufnahme ins Heim, werden die Teilnehmer der Alzheimercafés regelmäßig ausführlich informiert. Die Brüder Sauri können sich das noch nicht vorstellen. Aber sollte es so weit kommen, wünschen auch sie sich für ihre Mutter einen Ort wie Hogewey.

Doch dieses Beispiel ist bislang einzigartig. Entsprechend lang sind die Wartelisten: „Bis zu einem Jahr“, weiß Betreuerin Cora Jansen, die inzwischen bei den volkstümlichen Stadtmenschen im Einsatz ist und eine neue CD eingelegt hat. Sie ist gerade mit dem Kartoffelschälen fertig: „Das geht ruck, zuck hier, beim Kochen bekomme ich immer Hilfe.“ Bei der Upper Class sei das anders: „Da fragen sie nicht, ob sie helfen können, sondern wann das Essen fertig ist“, lacht Cora. Dort darf sie die Bewohner auch nicht duzen oder vertraulich mit „Tante Bep“ oder „Oom Jan“ anreden, sondern muss „Mevrouw“ oder „Mijnheer“ sagen.

Eines aber sei allen Bewohnern der sieben Lebensstile gemeinsam: „Man merkt, dass sie sich wohl bei uns fühlen.“ Das bestätigen auch die Angehörigen immer wieder, wenn sie einen Patienten von einem Besuch zu Hause zurückbringen: „Dann erzählen sie mir: Papa meinte, es sei jetzt genug so, er wolle nach Hause zurück“, erzählt Cora. „Das sagt doch genug, oder?“

Alzheimer-Patienten integrieren

Auch in den Niederlanden ist Alzheimer ein immer größer werdendes Problem: Bis 2050 wird sich die Zahl der Patienten mehr als verdoppeln, von derzeit 235.000 auf 500.000. Jede Stunde wird bei vier Einwohnern Demenz diagnostiziert. Doch die Niederländer gelten nicht umsonst als die Pragmatiker unter den Europäern: Sie setzen auf Transparenz und Direktheit und scheuen sich nicht, neue Wege einzuschlagen.

Das hat sie in Sachen Alzheimer zu Pionieren in Europa gemacht: Mit aufwendigen nationalen Kampagnen im Rundfunk werden die Niederländer regelmäßig mit der Krankheit und ihren Folgen für die Gesellschaft konfrontiert und zum Spenden aufgerufen. Um Angehörigen bei der Betreuung zu Hause zu helfen, wurde vor 13 Jahren das erste Alzheimercafé gegründet, eine Veranstaltung, zu der sich Angehörige und Patienten mit Experten und Pflegern treffen. Inzwischen gibt es über das ganze Land verteilt in mehr als 170 Gemeinden Alzheimercafés.

Zahlreiche andere Länder haben dieses Beispiel kopiert: Belgien, Dänemark, Großbritannien, Griechenland, Spanien und sogar Australien. Ebenfalls vorbildlich und dem Rest Europas weit voraus: Große anonyme Pflegeheime gehören mehr und mehr der Vergangenheit an. Sie werden durch kleine Wohneinheiten ersetzt. Dort wird das ursprüngliche Alltagsleben der Bewohner möglichst beibehalten, um ihnen Halt und Struktur zu geben. Als am innovativsten auf diesem Gebiet gilt das Alzheimerdorf Hogewey in Weesp bei Amsterdam.

Von Kerstin Schweighöfer (Rheinischer Merkur)

Information

Hogewey, Heemraadweg 1, 1382 GV Weesp, Telefoon: 0294 – 21 05 00, Fax: 0294 – 21 06 00, E-Mail: hogewey@vivium.nl

Rheinischer Merkur