Reise nach Lemberg

Bericht von Redakteur Ing. Hans ADLER

Ukraine! Ukraine? Wo liegt denn das? Sicher weit weg. Gott sei Dank, denn dort war ja dieses Reaktorunglück in Tschernobyl. Immer diese Russen mit ihrer Schlamperei! Ach so, keine Russen. Ukrainer leben dort.

Ist da nicht dieses blonde politische Energiebündel mit der Haar-Zopf-Krone. Wie heißt die doch? Ach ja richtig Julija Tymoschenko. Das ist doch die, die sich nicht abwählen lassen wollte und weil sie die Wahl 2010 verloren hat, sollten die anderen geschummelt haben. Die anderen, das ist doch die Partei des jetzigen Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Da war doch einer, dem man bei einem Attentatsversuch das Gesicht entstellt hatte, so dass er sich in Österreich behandeln lassen musste. War das nicht dieser Janukowytsch? Lauter Wilde! Gott sei Dank sind die weit weg. Ach so; war da nicht heuer im Winter diese Geschichte mit dem Erdgas, das aus Russland durch Pipelines zu uns kommt, die durch die Ukraine führen. Und weil die Ukraine ihre erhöhte Gasrechnung nicht bezahlen wollte, haben die einfach den Gashahn zugedreht, so dass wir in Europa fast in der Kälte gesessen wären.

Wer, wie wir mit einem Autobus von Wien nach Lemberg fährt, der kann ein Lied von Entfernungen singen. Als wir kurz vor Mitternacht in Lemberg – ukrainisch Lviv – angekommen sind, hatten wir 870 Kilometer auf dem Tacho unseres Busses, 18 Stunden auf dem Sitzfleisch und zwei Busfahrer „verbraucht“.

Wir sind durch Ostungarn gefahren. Die Hortobagy-Puszta. Links, gegen Sonnenuntergang weit entfernt im grauen Dunst die Ausläufer der Karpaten, rechts die Ebene ohne Horizont, weit wie das Meer. Aber auch die ungarische Tiefebene ist nicht unendlich.

Wir nehmen einen kleinen Grenzübergang zwischen Ungarn und der Ukraine im Gebiet von Nyregyhaza. Durch die ungarische Kontrollstation kommen wir schnell. Es ist zwar eine EU-Außengrenze, aber die Ausreise wird lange nicht so gründlich kontrolliert wie die Einreise. Da sind die Ungarn unheimlich genau. Das erleben wir bei der Heimfahrt, als die ungarischen Grenzer ein halbes Dutzend Koffer aus unserem Bus aufmachen lassen und kontrollieren.
Aber dann, die Einreise in die Ukraine. Es lohnt nicht die Umständlichkeit, Aufsässigkeit und Korruption der ukrainischen Grenzbeamten im Detail zu beschreiben. Unser Autobus steht zweieinhalb Stunden einsam an der Grenze. Schichtwechsel der Beamten, das Verfahren von vorne beginnen, Computer stürzen angeblich ab, Bestechungsgelder werden zwischen Listen geschoben – die gewaltigen russischen Tellerkappen der „Amtsorgane“ wirken wie aus einem Disneycomic entsprungen.

Als wir weiterfahren, dämmert es schon. Die Karpatenwälder, in denen es noch Wölfe, Luchse und Bären gibt, sehen wir erst auf der Rückfahrt. Eine wilde Landschaft, teilweise mit großen Monokulturen aus Fichten, Kiefern und Lärchen. Weite verbuschte Flächen künden von mangelnder Waldpflege und aufgegebenen Feldern. Überall finden sich Schadflächen von Borkenkäfern und Fichtenspinnern. Eine forstliche Monokultur kann man eben nicht einfach sich selbst überlassen. Aber die Besitzverhältnisse in dem Land, das einmal als Galizien-Lodomerien Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie war, sind weitgehend ungeklärt, seit sich das Riesenland Ukraine von der Sowjet-Union gelöst hat.
Die Schwarzerdeböden der Ukraine waren einmal eine europäische Kornkammer. Heute ist die Landwirtschaft auf weiten Flächen zusammengebrochen und konnte nach dem Ende der Zwangskollektivierung nicht wieder belebt werden. Die riesigen Felder der ehemaligen Kolchosen und Sowchosen sind verkrautet und mit Büschen bewachsen. Dazwischen kleine Felder von vor allem alten Menschen und arbeitslosen ehemaligen Kolchosarbeitern, die sich mit dieser Selbstversorgung vor dem Verhungern schützen, weil sie praktisch nicht unterstützt werden.

Nur fünf Prozent der Staatsfläche der Ukraine sind mit Wald bedeckt. Dennoch findet sich exportiertes Holz aus den Karpatenwäldern überall in Westeuropa. Es gibt weder Industrie noch Gewerbe, um es im eigenen Land zu verarbeiten. Dabei ist das Land reich an natürlichen Rohstoffen. Etwa 5 % der weltweiten Eisenerzvorkommen liegen in der Ukraine. Dazu kommen Bauxit, Blei, Chrom, Speckstein, Gold, Quecksilber, Nickel, Titan, Uran und Zink. Am Schelf des Schwarzen Meeres hat man Erdöl- und Erdgasreserven entdeckt. All diese Ressourcen können im eigenen Land nicht verarbeitet werden. Mit dem Ende des Kommunismus ist die Schwerindustrie, welche die Wirtschaft der Ukraine beherrscht hat, zusammengebrochen.
Mit über 600 000 Quadratkilometern Fläche und mehr als 46 Millionen Einwohnern ist die Ukraine nach Russland der zumindest der Fläche nach zweitgrößte Staat Europas! 78 000 Quadratkilometer davon waren einmal Galizien. Und Lemberg, unser Reiseziel war dessen Hauptstadt. Der Schrecken der kk Offiziere – wenn sie in diese Einöde am Rande der Monarchie versetzt wurden. In Galizien wurde schon im 16. Jahrhundert Erdöl gefördert. Man konnte es aus Quellen an der Erdoberfläche abschöpfen oder hat es beim Brunnengraben gefunden und als Schmier- und Arzneimittel verkauft. Der Lemberger Apotheker Ignacy Lukasiewicz hat als erster in Europa Erdöl destilliert und das gewonnene Petroleum in Lampen verwendet. Ein Bronzedenkmal am ehemaligen Wohnhaus von Lukasiewicz stellt ihn in Lebensgröße an einem Tisch sitzend dar, auf dem eine Petroleumlampe steht. Auf dem zweiten, leeren Bronzesessel am Tisch sind wohl schon tausende Lemberg-Besucher gesessen und haben sich mit ihm und seiner Petroleumlampe fotografieren lassen.
Damals, während des ersten Weltkriegs und danach, als Galizien zwischen Russland und Polen aufgeteilt wurde, war das Land arm, sehr arm. Der niederösterreichische Arztsohn und Dichter Theodor Kramer war im ersten Weltkrieg dort eingerückt. Er schreibt in seinem Gedicht „Zerstörtes Land“

Es hausten in den Hütten neben Alten
die breiten Frauen der Ruthenen nur,
und seltsam zeichnete in großen Falten
ins feiste Fleisch der Hunger seine Spur.
Und abends, da sie über ihre Waden
den Kittel zogen, sahn wir sanft und sacht
von ihrer Haut der Läuse weiße Schwaden
wie Mehltau falln und flohen in die Nacht.

Reich war Lemberg,  früher polnisch Lwow, heute ukrainisch Lviv, nur im Mittelalter, als die an einem Knotenpunkt der Handelswege aus Osteuropa liegende Stadt das Stapelrecht hatte und alle durchreisenden Händler ihre Waren abladen und erst den Lemberger Kaufleuten anbieten mussten ehe sie mit dem Rest weiterreisen durften. Der wunderschöne, großteils mittelalterliche Marktplatz Lembergs legt davon mit seinen schönen Häusern Zeugnis ab. Ein großer Teil dieser Häuser ist allerdings nur außen schön gefärbelt und die Fassade geflickt. Innen herrscht Armut und Verfall. Dennoch, die Innenstadt Lembergs ist wunderschön und trägt mit Recht den UNESCO-Titel eines Weltkulturerbes.

Die Oper in Lemberg. Erbaut von Helmer und Fellner, den Architekten des Wiener Kozerthauses, des Volkstheaters und des Variete Ronacher. Als Wiener fühlt man sich zuhause.
Ein hervorragend getanzter Ballettabend. „La Esmeralda“ von Cesare Pugni, nach dem Thema des Glöckner von Notre Dame. Das Publikum: viele junge Menschen, sichtlich nicht nur die „neuen Reichen“, Schulklassen; interessiert, diszipliniert, nach ihren Möglichkeiten gut gekleidet. Man fühlt sich wohl.

Kommen die vielleicht auch aus den Plattenbauten an der Ausfallstraße, durch die wir gefahren sind. Verwahrlost, mit Wäsche behangen – von den Intellektuellen in Lemberg als „chinesische Mauer“ bezeichnet, in denen es nicht zu jeder Tageszeit fließendes Wasser und immer wieder Stromausfälle geben soll.

Durch ehrliche Arbeit wird man in der Ukraine kaum wirklich reich und nicht alle, die reich geworden sind, verdanken das nur einer guten Idee und viel Tatkraft. Die Politiker sind mehr mit dem Kampf um die Macht als mit der Regelung des ukrainischen Lebens durch wirksame Gesetze beschäftigt.
Und was man in der nun befreiten Ukraine unter Kapitalismus versteht, treibt manchmal die absonderlichsten Blüten. Da fahren uralte, kleine, gelbe Autobusse mit etwa 40 Plätzen. Dass sie überhaupt fahren, gleicht einem Wunder. Und jeder dieser Busse ist ein eigenes Unternehmen. Sie fahren zwar – fast immer – auf festgelegten Routen mit Stationen, aber jeder dieser Busse macht jedem anderen Konkurrenz!  Hei, wie kapitalistisch!
Die grassierende Korruption, vor allem in der öffentlichen Verwaltung und bei der Polizei ver- oder behindert jede wirtschaftliche Investition. Es wirkt wie Hohn, wenn man in Lemberg neue Hotels baut und die alten aufwendig restauriert und renoviert – wer soll die Ukraine als Tourist besuchen, wenn er schon an der Grenze die Zöllner bestechen muss? Gar nicht zu reden von den Bestechungsgeldern, die fällig werden, wenn man ein Grundstück, ein Haus, eine Eigentumswohnung oder eine ehemalige Fabrikshalle kaufen will. Abgesehen davon, dass nach wie vor die Besitzverhältnisse meist nicht geklärt sind. Und je unbefriedigender die Bestechungssumme, desto weniger leicht sind sie zu klären. Nur internationale Großunternehmen, die sich direkt der Mithilfe einflussreicher Politiker versichern können, haben eine Chance auf Erfolg bei Investitionen.

Nichts ist mehr vom jüdischen Leben in Lemberg geblieben, da doch die Juden einmal mehr als zehn Prozent der Bevölkerung ausgemacht haben. Einige verfallene Mauern, der Grundriss der zerstörten Synagoge auf dem Pflaster und einige jüdische Touristen auf der Suche nach den Andenken ihrer Toten – mehr nicht. Und doch kamen aus Galizien jüdische Geistesgrößen des 20. Jahrhunderts, Joseph Roth, Martin Buber, Manes Sperber, Billy Wilder
Hier war einer der Ausgangspunkte der Paneuropabewegung – und heute ist das Land nicht einmal im Ansatz imstande, die Aufnahmekriterien der europäischen Union zu erfüllen, um deren Mitgliedschaft es sich bewirbt.

Was wir aber nicht gefunden haben, ist Resignation. Die Menschen leben mit ihren Schwierigkeiten und sie sind freundlich und offen. Von der grauen Angst vor dem allgegenwärtigen KGB der Russen ist, soweit man das als Außenstehender fühlt, nichts geblieben. Und jene unter uns, die alt genug sind, um diese Angst der Menschen zur Kommunistenzeit noch erlebt zu haben, die – glaube ich – würden das erkennen.
Wer allerdings bei Google das Stichwort „Ukraine“ eingibt, der sieht zuerst sogenannte „Partnervermittlungen“, die ukrainische Frauen zwecks Heirat oder sonstwie anbieten – und danach kommt erst die seriöse Information.

Exportware Mensch. Schöne Frauen, großartige Künstler, Intellektuelle. Ein für die Wirtschaft der Ukraine tödlicher Export. Wenn dieses Land seine machtgierigen, unfähigen Politiker und die mit ihnen verbundene Vetternwirtschaft und Korruption nicht los werden kann, besteht die Gefahr einer mehr oder weniger freiwilligen Rückkehr unter die russische Fuchtel. Die Intellektuellen, die Städter fürchten das, aber die verarmte Bevölkerung denkt heimlich an die Linsentöpfe Ägyptens – pardon, der Sowjetunion. Die ist den Arbeits- und Hoffnungslosen langsam immer noch lieber als die Aussichtslosigkeit eines missverstandenen Kapitalismus.

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